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23.3.2017 : 10:19 : +0000

2006 - Oktober - Berliner Morgenpost

Oktober 2006
Petrenko und Gavrilov als "Rach"-Fans
Klassik
Da haben sich aber zwei gefunden. Seit 30 Jahren pflegt der Russe Andrej Gavrilov seine Liebe zu Sergej Rachmaninows Klavierkonzerten. Sein Landsmann Kirill Petrenko hat gerade verkündet, dass Rachmaninow für ihn zur Nahrung seines Musikerlebens zählt. Gemeinsam vertiefen sie sich in das zweite Konzert - mit einer Hingabe, die ihresgleichen sucht. Der Pianist unternimmt eine impulsive, temperamentvolle und lyrische Abenteuerreise, durchstreift mit ausgelassener Fröhlichkeit das fingerbrecherische Stück. Gavrilov spielt vital und rhythmusversessen, ohne in Virtuosenmanier aufzutrumpfen. Generalmusikdirektor Petrenko und das Orchester der Komischen Oper liefern ihm den klangsinnlichen Nährboden. Die Harmonie zwischen den beiden Rachmaninow-Fans ist bemerkenswert.

2008 - 18. Oktober - Main-Rhein Allgemeine Zeitung: Klangzauber in Moll-Tonarten

Vom 18.11.2008

Von
Siegfried Kienzle
Ein mutiger Abweichler der Musikgeschichte war Sergej Rachmaninow, weil er die Musiksprache eines Tschaikowski voll Gefühlsüberschwang und Pathos ins 20. Jahrhundert hinein fortsetzte. Da erntete er Spott und Häme von den zeitgenössischen Komponistenkollegen und sogar der sonst konziliante Richard Strauss diffamierte Rachmaninows Musik als "gefühlvolle Jauche".
Passend zum Volkstrauertag hatte sich das Meisterkonzert in der Rheingoldhalle ganz den Moll-Tonarten verschrieben und stellte Rachmaninows zweite Sinfonie in e-Moll neben sein c-Moll-Klavierkonzert. Ari Rasilainen mit der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz gab bereits der Largo-Einleitung der e-Moll-Sinfonie, die 1907 in Dresden entstanden ist, den epischen Charakter und betonte den breit strömenden Melodienfluss. Erfrischend wurden im Scherzo die tänzerischen Energien entfesselt. Da wurde das Streicher-Fugato zum stürmischen Höhepunkt. Wie bei Tschaikowski ist der Finalsatz von lärmender Festlichkeit er-füllt mit Beckenschlag und Trompetengeschmetter. Das verfehlte bei Rasilainen nicht seine zündende Wirkung.
Wie sehr Rachmaninow, der einer der führenden Klaviervirtuosen seiner Zeit war, auch in der Sinfonik vom Klavierklang her gestaltet, war immer wieder hörbar: Einzelstimmen im Orchester treten mit filigranen Arabesken und Akkordschlägen wie ein Soloklavier hervor. Deshalb hat man zu Beginn dieses Jahrs diese zweite Sinfonie auch zu einem Klavierkonzert umgearbeitet, das von nun an als Rachmaninows fünftes Konzert in den Katalogen auf-scheint.
Die Klaviernähe der Sinfonie ließ sich noch besser heraushören, sobald der russische Pianist Andrei Gavrilov mit virtuoser Vehemenz durch das zweite Klavierkonzert op.18 fegte. Seit Gavrilov 18-jährig bei den Salzburger Festspielen 1974 für den erkrankten Svatoslav Richter einspringen durfte, hat er sich in die vorderste Reihe der Starpianisten katapultiert. Dann wurde seine internationale Karriere politisch gestoppt, weil er von der Sowjetregierung als Dissident in der Psychiatrie zwangsinterniert war.
Im Kopfsatz fiel auf, dass Gavrilov in den Fortissimo-Ausbrüchen eher verhalten agierte und von den Klangwogen des Riesenorchesters zuweilen überrollt wurde.
Wunderbar lyrisch ausgesponnen und von poetischem Klangzauber getragen entwickelte sich das Adagio im Dialog mit der Solo-Flöte. Im Schluss-Allegro zog der Pianist alle Register der Virtuosität.
Ovationen und Blumen aus dem Publikum - sichtlich war Mainz ein Heimspiel für Gavrilov, der einige Jahre in der Nähe von Wiesbaden ansässig war. Als Zugabe erfreuten ein verträumter Chopin und die teuflisch schwierige "Suggestion diabolique" von Prokofjew.

Pianistische Liebeserklärung an Sergej Rachmaninov

Pianistische Liebeserklärung an Sergej Rachmaninov

Das Leben kann doch wirklich schön sein. Zum Beispiel im Feierabendhaus Ludwigshafen, wenn der Pianist Andrei Gavrilov das dritte Klavierkonzert von Sergej Rachmaninov so grenzenlos abgründig, so herrlich schön und pianistisch so exzessiv vorstellt. Als ob dieser Dauerbrenner, nun etwa 100 Jahre alt, taufrisch und jung daherkäme, um das Publikum zu überwältigen, wobei ihm die Deutsche Staatsphilharmonie unter Ari Rasilainen nicht nur assistierte, sondern sich regelrecht anstecken ließ.
Andrei Gawrilow setzt - nicht nur - an diesem Abend Maßstäbe. Sein Spiel, seine Haltung und sein "Spirit" gehen von totaler Identifikation mit diesem Werk aus. Das enge Kopfmotiv, Ausgangspunkt eines pianistisch-sinfonischen Schlachtengemäldes, wirkt bei diesem Klavierspieler wie eine zärtliche Liebeserklärung an jenes seltsame Ding, das gemeinhin "russische Seele" genannt wird. Die ist bekanntlich weit und tiefgründig, Gavrilov spannt sie zwischen quirligem Leggiero und brutal-metallischen Oktavgängen, zwischen elefantöser Kadenz im ersten Satz und betender Sehnsucht im zweiten auf. Der Finalsatz spürt aus dem pittoresken Tanz heraus dem Kosmos all dessen nach, was Musik ausdrücken kann: Schmerz, Glück. Der Pianist wirkte vom Beifall beglückt und schenkte seinem enthusiastischen Publikum noch eine in glühendes Metall getauchte "Versuchung" von Prokofieff und eine verführerisch zarte Scarlatti-Sonate.

2009 - 30.03. - Neubrandenburg - Pianistische Suche nach der Wahrheit


Artikel vom 30.03.2009

Pianistische Suche
nach der Wahrheit

Jubiläum. Mit hauchzarten Tastenstreicheleien gewinnt Klavierlegende Andrei Gawrilow am Wochenende das Herz der Besucher der
25. Neubrandenburger Konzertnacht. Mal melancholisch und dann wieder kraftstrotzend, jähzornig, kapriziös, keck, derb, sentimental spielt er unter anderem Ludwig van Beethoven, Sergej Rachmaninow.

Von Peter Buske

Neubrandenburg. Ihm eilt der Ruf eines Tastenhämmerers voraus, mit allen effektvollen Vorzeigekünsten. Aber der aus Russland stammende, längst zur Klavierlegende avancierte Andrei Gawrilow kann auch ein Leisetreter sein, bei dessen hauchzarten Tastenstreicheleien einem das Herz aufgeht. Vielleicht ist er, zwischen diesen Extremen pendelnd, nur ein pianistischer Wahrheitssucher?! Als solcher präsentierte er sich jedenfalls am Wochenende bei der 25. Neubrandenburger Konzertnacht in der Konzertkirche. Mit einem Programm, ganz auf seine ekstatisch-introvertierten Werkdeutungen von drei gewichtigen Klavierkonzerten aus den Federn von Sergej Prokofjew (Nr. 1), Ludwig van Beethoven (Nr. 2) und Sergej Rachmaninow (Nr. 3) ausgerichtet. Kein Wunder, das es den Titel „Bravissimo“ trägt.

Daneben gibt es von den Genannten pianistische Solostücke, kammermusikalische und sinfonisch gedichtete Orchesterpiecen, die den Musikmarathon zur gehaltvollen Mischung aus Staunenswertem, Erbaulichem und Instrumentalkundlichem werden lassen. Als hauptsächliches Arbeitsinstrument verwendet Gawrilow einen Steinway- Flügel Typ D, dem Rolls Royce unter den Fortepianos, auf dem sich „Rach 3“ (d-Moll op. 30) als ein fortwährender Dialog über die russische Seele entspinnt.

Und zwar in allen Facetten: melancholisch, kraftstrotzend, jähzornig, kapriziös, keck, derb, sentimental. Der Zwischentöne und des Klangfarbenreichtums scheint durch extrem differenzierten Anschlag kein Ende. Auch wenn er notengerecht pausiert und die Arme auf den Flügelkorpus stützt, bleibt er der hellwache In-die-Musik-Horcher. Oft reißt es ihn tatsächlich vom Hocker. Die Musiker der Neubrandenburger Philharmonie unter Stefan Malzews kongenialer Leitung geben ihr Bestes, erzeugen einen romantisch-schwelgerischen Klang.

Mozartleicht und wie hingetupft, jedoch mit überraschenden dynamischen Widerhaken, überaus akkurat und dennoch fantasievoll, vom aufgelichteten Klang des Orchesters assistiert, geht Gawrilow mit Beethoven um. Sozusagen als Extremist, der das Leise exzessiv kultiviert, die gebannt Lauschenden zum intensiven Hinhören zwingt. Nicht minder faszinierend das mit überschäumender Virtuosität, rhythmischen Finessen reich gespickte, episodenhaft angelegte, herrlich rabiate Prokofjewsche Des-Dur-Opus, das er mit hämmernder Geste in die Tasten meißelt. Mit diesem Finalstück kehrt die Konzertnacht an ihren Beginn zurück, als Gawrilow auf dem (kleineren) Typ-B- Steinway Prokofjews „Suggestion diabolique“ kraftvoll und klar in die Tasten hämmert.

Manches Wissenswerte über die verwendeten Instrumente steuert der Neustrelitzer Klavierbaumeister und -stimmer Werner Stegemann im Gespräch mit dem durch den Abend plaudernden und auch Klavier spielenden Dirigenten bei, der ebenfalls Gawrilow und dem Vogler-Quartett (das mit einer expressiven Deutung von Beethovens Großer Fuge B-Dur op. 133 und in Mahlers Klavierquartettsatz a-Moll begeisterte) mancherlei Belangloses abfragt.

Mehr zu sagen hat Rachmaninow mit seiner sinfonischen Dichtung „Die Toteninsel“ nach einem Böcklin-Gemälde. Hochkonzentriert ist das Orchester bei der Sache, um tief in die metaphysischen Dimensionen des düster getönten Werkes vorzudringen. Von der tiefen Trauerklage des 36-Jährigen, kontrastiert mit gefühlsgesättigtem Lebenswillen, führt der Weg der Erkenntnis rückwärts zur kindlichen Psyche des 14-Jährigen und seines gefälligen d-Moll-Scherzo. Die Jubiläumsnacht findet aufnahmebereite Ohren und beifallsfreudige Hände.

verschiedene Kritiken aus 2007-2009

Allgemeine Zeitung, 20.01.2009 | Frank Gottschald
Was die 200 Besucher so faszinierte, war nicht nur Gavrilovs technisch perfektes und ausdrucksvolles Spiel, sondern, dass er sein Konzert geradezu zelebrierte. Nicht selten sprang er vom Klavierhocker auf, wenn Dynamik wiederzugeben war. Vor schwierigen Passagen verzog sich seine Miene, um nach gelungenem Part ein befreites Lächeln aufzusetzen. Originell setzte er auch stets den letzten Ton eines Stückes. [...] künstlerisches Weltniveau.

Main-Rheiner Allgemeine Zeitung, 18.11.2008 | Siegfried Kienzle
Wunderbar lyrisch abgesponnen und von poetischen Klangzauber getragen entwickelte sich das Adagio im Dialog mit der Solo-Flöte. Im Schluss-Allegrozog der Pianist alle Register der Virtuosität. Ovationen und Blumen aus dem Publikum – sichtlich war Mainz ein Heimspiel für Gavrilov, der einige Jahre in der Nähe von Wiesbaden ansässig war. Als Zugabe erfreuten ein verträumter Chopin und die teuflisch schwierige „Suggestion diabolique“ von Prokofjew. [Rachmaninoff 2. Klavierkonzert]

Mannheimer Morgen, 17.11.2008 | Stefan M. Reutlinger
Der alte, sensationelle Pianist war das.

Special to the Daily News, 9.4.2008 | Ken Keaton
Listeners at the Kravis Center were treated to world-class pianism Monday night when Moscow-born Andrei Gavrilov presented a bold program of Frédéric Chopin and Sergei Prokofiev. [...] This was supreme pianism.

Stuttgarter Zeitung, 10.12.2007 | Annette Eckerle
Gavrilov mochte man zu Füßen liegen für die Mischung aus klassischer und jazziger Klaviertechnik, für den Dialog von obsessiv motorischen und zart-lyrischen Blueselementen. Ravels Konzert für die linke Hand, diese zwischen Weltschmerz und Lebenslust schillernde Musik, spielt Gavrilov dann mit seltener technischer und musikalischer Finesse. Er wagte jene expressiven Extreme, die Ravel dieser Musik eingebrannt hat, aber – wie meiste – verborgen unter einer hoch virtuosen Oberfläche.

Stuttgarter Nachrichten, 10.12.2007 | Verena Grosskreutz
Mit dem russischen Ausnahmepianisten Andrei Gavrilov hatte man einen weiteren exzellenten Partner zur Seite. In Prokofjews Klavierkonzert No. 1 zelebriert Gavrilov fast liebevoll die virtuosen Ungeheuerlichkeiten, die flüchtigen Visionen, die satirischen Gesten. Im Zusammenspiel mit dem Orchester konnten sich poetische Gedanken, rhythmischer Drive und dich gedrängte Emotionen frei entfalten. Auch in Ravels Klavierkonzert für die linke Hand konnte Gavrilov nicht nur durch seine ungewöhnlich feine Differenzierungsfähigkeit im leisen Bereich tief berühren. Selbst musikalische Beiläufigkeiten wirken bei ihm so, als seien sie lange durchdacht und dann erst verworfen worden.