Sie sind hier: Biografie
23.3.2017 : 10:19 : +0000

Kurzbiografie

Andrei Gavrilov wurde 1955 in Moskau in eine Künstlerfamilie geboren und erhielt seinen ersten Klavierunterricht von seiner Mutter. Aus dieser Zeit stammt auch bereits die frühe Bekanntschaft mit Svjatoslav Richter. Ausgezeichnet wurde dieses große Talent im Jahre 1974 mit dem 1. Preis des internationalen Tschaikowski-Wettbewerbs.
Im selben Jahr durfte er für Svjatoslav Richter bei den Salzburger Festspielen einspringen und begeisterte - im Westen noch völlig unbekannt - das kritische wie glamouröse Publikum. Svjatoslav Richters Empfehlung für seinen jungen Einspringer war also mit Berechtigung ausgesprochen worden und Joachim Kaisers kritische Bewunderung hat bis heute ihre Gültigkeit bewahrt: Andrei Gavrilov gehört zu den großen Pianisten-Persönlichkeiten unserer Zeit - mag es auch in den vergangenen Jahren etwas ruhiger um ihn geworden sein. Gegenwärtig scheint der auf dem Podium gleichermaßen temperamentvolle und unerwartet grüblerische Gavrilov wie befreit in eine neue Phase seiner Karriere zu treten.
Es kam in der Folge zu einer internationalen Karriere, die vorerst 1979 (er stand kurz vor einem Konzert mit Karajan und den Berliner Philharmonikern) nach höchst gelobten Konzerten insbesondere in Europa, in einem Hausarrest in Moskau endete. Zu unbequem waren die im Ausland geäußerten politischen Ansichten des jungen Gavrilov, die KGB - Chef Andropow ans Ohr drangen. Völlig abgeschnitten von Freunden und Familie wurde er auch wiederholt in psychiatrische Kliniken zwangseingeliefert und mit dem Tode bedroht. In dieser Zeit war er kaum in der Lage musikalisch zu arbeiten oder öffentlich zu konzertieren.
Gavrilov gelang es, mit Hilfe von Michail Gorbatschew im Jahre 1984 eine Erlaubnis zur Ausreise in den Westen zu erhalten und kurz darauf sogar die Zusage, sich im Westen frei bewegen zu können. Nach der völligen Wiederherstellung seiner stark angegriffenen Gesundheit, stürzte sich Gavrilov in einen rastlosen Rausch von Konzerttourneen und Aufnahmesitzungen, als ob er die verlorenen Jahre aufholen wollte. 1985 trat er endlich in den USA auf, nachdem sein geplantes Debüt Anfang der achtziger Jahre von den dramatischen Ereignissen verhindert worden war. Sein umjubeltes New Yorker Carnegie-Hall-Debüt im Juni markierte die endgültige Rückkehr Gavrilovs auf die internationalen Konzertpodien. Seit diese Zeit er hat viele Tourneen gemacht mit Orchestern wie New York, Los Angeles, Detroit, Cleavlend, Chicago, Philadelphia, Montreal, Toronto, London, Wien, Paris, Berlin, München, Amsterdam,Tokyo, Moskau, St.Petersburg und anderen wichtigen Orchestern mit Dirigenten wie Abbado, Haitink, Muti, Ozawa, Svetlanov, Tennstedt, Rattle und Neville Mariner, um nur einige der wichtigsten zu nennen.
Der heute Gavrilov ist seinem Repertoire im Kern treu geblieben: Die Musik von Chopin, Skrjabin, Ravel, Tschaikowski, Rachmaninov, Liszt, Grieg, Sains-Saens, Prokofjew, Beethoven, Schumann, Schubert, Mozart und besonders Bach und Händel erfordert gleichermaßen den delikaten, intellektuelen und virtuosen Zugriff des Pianisten.
Das phänomenale Klavierspiel Andrei Gavrilovs wurde durch eine Reihe höchster Auszeichnungen geehrt. Auch seine zahlreichen Plattenaufnahmen bei EMI und der Deutschen Grammophon wurden mit diversen Auszeichnungen bedacht.

Andrei Gavrilov begeistert seine Zuhörer weiterhin, vorwiegend in Europa, USA, Süd Amerika, Japan, Korea, Hong-Kong immer wieder in Russland und auch in China und Indien.

... mehr anekdotische Biografie

Andrei Gavrilov wurde am 21. September 1955 als Sohn eines Malers und einer Pianistin / Klavierpädagogin in Moskau geboren.

Zunächst war für Andrei die Violine als zu lernendes Instrument, bereits im Alter von 4 Jahren vorgesehen. Sein älterer Bruder wurde zunächst dem Klavier näher gebracht.

Vermutlich durch ein "Wunderkind-Ereignis" lenkte Andrei jedoch sofort die klavier-pädagogische Aufmerksamkeit seiner Mutter auf sich: mit 4 Jahren spielte er Stücke - rein aus dem Gehör - in einer Perfektion am Klavier nach, die beeindruckend gewesen sein muss.

Ein im eigentlichen Sinne des Wortes sehr einschneidendes Erlebnis des jungen Andrei war ein nahezu kompletter Durschnitt von mehreren Fingern an Gavrilovs rechter Hand. Ein Jugendfreund hatte ein scharfes Messer gezückt, und Gavrilov griff nach der Klinge. Der Messer-Besitzer zog das Messer wieder zu sich, so dass 3 Finger von Andrei nahezu komplett durchtrennt wurden.

Einem für damalige Verhältnisse an ein medizinisches Wunder grenzendes Geschick der Ärzte rettete die Karriere eines des technisch perfektesten Pianisten unserer Zeit.

Der junge Gavrilov kehrte mit der Hoffnung aus dem Krankenhaus zurück, nun einige Zeit nicht üben zu müssen. Doch dem war bei seiner ehrgeizigen Mutter absolut nicht so. Die Direktive hieß: "Setz' dich hin und übe mit der linken Hand!"

Möglicherweise trugen diese Monate des ausschließlichen Trainings der linken Hand zu der wohl weltweit einmaligen technischen Perfektion der linken Hand bei. (Man achte dabei nicht nur auf die rasanten Tempi, sondern auch die musikalische Durchsichtigkeit und Akzentuierung sowohl in dem Klavierkonzert für die linke Hand von Ravel, das Prelude von A. Skriabin für die linke Hand, aber auch in verschiedensten anderen Werken, bis hin zu Stimmführungen in Werken von J.S. Bach, die ansonsten so häufig in den Unzulänglichkeiten der schwächeren Hand untergehen.

Doch wie kam es denn nun zu einem der jüngsten Sieger, den es jemals im Tschaikowski-Wettbewerb (dem wohl wichtigsten für Klavierspieler) gegeben hat?

Die Künstler-Familie Gavrilov schien vieles richtig gemacht zu haben. Neben dem Klavierunterricht bei seiner Mutter kamen ergänzend (und später substituierend) an der zentralen Musikschule Moskaus Studien bei Tatjana Kestner und am Moskauer Konservatorium weiterführende Perfektion bei Lew Naumow hinzu.

Diese doch sehr unterschiedlichen Richtungen der Schulen haben möglicherweise zur Vielseitigkeit und hohen Musikalität von Gavrilov beigetragen: Es gibt keine "sinnlosen" Passagen, und zu einer technischen, "sportlichen" Tätigkeit verkommt unter Gavrilovs Händen kein noch so virtuoses Werk.

Nach dem Gewinn des 1. Preises beim Tschaikowski-Wettbewerb 1974 folgte im selben Jahr die internationale Sensation: Gavrilov durfte den erkrankten Sviatoslav Richter bei den Salzburger Festpielen kurzfristig vertreten.
Er tat dies so überzeugend, dass die Fachwelt den Atem anhielt: Nicht "wieder nur ein effekt-haschender Russen-Techniker", sondern eine durchweg überzeugende, musikalische Persönlichkeit war zu bewundern.

Der Weg zu einer Weltkarriere schien geebnet, und zunächst lief auch alles nach Plan.

Ein zwischenzeitlicher Höhepunkt bahnte sich 1979 an: Der faszinierte Herbert von Karajan plante mit Gavrilov die Komplett-Einspielung aller Rachmaninov-Klavierkonzerte.
Doch Gavrilov erschien nicht zu den Proben, und meldete sich auch in keiner Weise bei Karajan und dem Management.
Erst deutlich später wurde auf Umwegen bekannt, dass Gavrilov aufgrund Regime-kritischer Äußerungen unter Hausarrest gestellt wurde, und später sogar in psychiatrische Kliniken zwangseingewiesen wurde. Auch seine Telefonleitung war offensichtlich gekappt worden, so dass Gavrilov zu kompletter "Funkstille" verdammt war.

5 Jahre dauerte diese furchtbare Zeit für Gavrilov, in der er "durch die Stille im inneren des Landes künstlerisch weiterkommen" sollte. Diese Zeit voller Trauer, Ärger, Frust und Freiheitsentzug schlug sich natürlich nieder, vielleicht trägt diese Phase des Psycho-Terrors auch ein wenig zur Klärung bei, warum Gavrilov auch später wieder (von ca. 1994 bis zum Bachjahr 2000) aufgrund Psychischer Probleme den Konzertpodien und den Aufnahmestudios fernblieb. Es kam sogar ernsthaft - so Gavrilov in einem privaten Gespräch mit mir - das Gerücht auf, Gavrilov sei gestorben!

1984 war jedoch zunächst durch Gorbatschows persönlichen Einsatz die politisch verordnete Zwangspause vorbei. Gavrilov zog zunächst für einige Jahre nach London und bereiste von dort mit sensationellen Konzerten wieder den Westen.

Das Chopin-Programm (alle 24 Etüden Op. 10 und Op. 25, alle 4 Balladen sowie die b-moll-Sonate Op 35 (mit dem Trauermarsch) ) war eine unglaubliche Sensation. Dem gereiften Gavrilov ermöglichte seine technische Perfektion die Konzentration auf das Eigentliche: die Intimität, die Extrovertiertheit ebenso wie unglaublich introvertierte, hochmusikalische Stimmführungen. Neben der ursprünglichen Aufnahme bei EMI von 1984 / 1985 / 1987 gibt es aber auch eine noch sensationellere Neueinspielung bei der Dt.  Grammophon aus dem Jahre 1999 sowie eine Rarität als Live-Aufnahme aus dem Jahre 2002 aus dem Kloster Maulbronn (erschienen bei K&K Verlagsanstalt).

Nach sieben Jahren teilweise schwerster Depression (von 1994 bis 2001) zog Gavrilov im Jahre 2001 nach Luzern, was offensichtlich auch zur Genesung beitrug.

Nicht zu vergessen ist jedoch die eindrucksvolle DVD-Aufnahme, die die BBC in London zum Bachjahr 2000, unter anderem mit Gavrilov, anfertigte.
Begonnen wurde dieses Projekt mit wirklich hervorragenden, auch bildsprachlich innovativen und überzeugenden Ideen. Wie man jedoch selbst sehen kann wurde dieses schöne Konzept bei den weiteren Mitwirkenden leider nicht mehr konsequent fortgeführt.
Diese Aufnahme der ersten 12 Präludien und Fugen aus dem Wohltemperierten Klavier gehört zu dem unglaublich eindrucksvollen Comeback des Weltklasse-Pianisten: Man kann förmlich ein "wieder Zurückkommen" von Gavrilov aus der Zurückgezogenheit miterleben. Die Hände noch an manchen Passagen ein wenig zitternd (was jedoch keineswegs negativ auf das hörbare Resultat gewirkt hätte!) zeigt sich Gavrilov mit einem solch' beeindruckenden, musikalischen Tiefgang, der immer wieder an die Meilensteine der Werkseinspielungen (z.B. mit Edwin Fischer, Wilhelm Kempff u.a.) erinnert, aber keineswegs dort stehenbleibt: Andrei erweckt manche Passagen so erstaunlich zu neuem Leben, dass man sich die Frage stellen muss, wo diese Stimmen überhaupt jemals zur Geltung kommen durften...

Die letzten Jahre (von 2003 bis dato) hat sich Gavrilov v.a. dem Konzertieren verschrieben.
Sensationelle Konzerte (z.B. in Tübingen und Reutlingen) mit Rachmaninov-Klavierkonzerten zeigten einen Weltklasse-Pianisten, der nicht nur nach wie vor in technischer Perfektion spielt wie kaum ein anderer, sondern dem eben seine Technik und Musikalität ermöglicht, diese kaum spielbaren Werke neu zu beleuchten. Plötzlich tauchen Mittel-Stimmen in manchen donnernden Passagen auf, die man sonst nie zu hören bekommt! Vielleicht kann sie ansonsten kaum jemand überhaupt greifen, geschweige denn musikalisch ausdeuten?